Warum eine Aktiensteuer falsch wäre

Finanzminister Scholz braucht eine Finanzierung der Grundrente. Er beabsichtigt, dazu eine Steuer auf Aktienkäufe einzuführen. Zur Rechtfertigung seiner Absicht führt er an, dass Frankreich und Großbritannien eine solche Steuer auch verkraftet haben. Diese Argumentation ist verfehlt, denn sie ignoriert das größere Problem.

Das staatliche deutsche Rentensystem steuert sehr langsam, aber auch sehr sicher auf ein Desaster zu. Die Auswirkungen dieses Problems werden nicht die Alten, sondern die jungen Leute von heute erfahren. Weil das Problem über einen sehr langen Zeitraum ignoriert wurde, wird es für die nächsten Generationen nicht ohne große Schmerzen zu lösen sein. Schmerzen, welche die heutige Politiker- und Rentnergeneration sich selbst nicht zumuten möchte.

Die Politik ignoriert das Problem seit langem. Es ist ein Witz, dass eine Herausforderung mit einer solch langfristigen Wirkung nur kurzfristig betrachtet wird. Die Rentenpolitik besteht aus Maßnahmen bis zum Jahr 2025 beziehungsweise wenigen Jahren später. Für das große Problem danach werden Kommissionen eingesetzt. Diese warnen heute schon, dass die bis jetzt geäußerten politischen Wünsche unbezahlbar seien.

Die Gründe für die politische Ignoranz sind nachvollziehbar, aber deswegen noch lange nicht berechtigt. Kein Wähler würde sich über die Konsequenzen freuen – und Überbringer schlechter Nachrichten werden in der Politik schnell zum Opfer ebendieser. Dennoch wäre es das einzig Richtige, dieses Problem jetzt radikal offen zu kommunizieren und eine langfristige Lösung herbeizuführen.

Einen Teil dieser Lösung muss der Staat beitragen, indem er das System strukturell und generationengerechter reformiert. Einen anderen Teil muss jeder Bürger selbst beitragen. Insbesondere junge Menschen werden das tun müssen.

Private Rentenvorsorge wird in Zukunft unerlässlich sein. Ökonomisch betrachtet kann der langfristige Aufbau einer ausreichenden Rente nur mit einem hohen Aktienanteil bewerkstelligt werden – und zwar während eines Großteils der Aufbauphase des Vermögens. Hierbei spielt die Höhe des Vermögens keine Rolle. Entscheidend ist die Länge des Zeitraums bis zum Rentenalter.

Mit anderen Worten: Jede Person, die demnächst noch nicht in Rente geht, kann das Potenzial der Aktie zum Vermögensaufbau nutzen. Tut sie das in den jungen Jahren nicht, entgeht ihr im Vergleich zu ihren Sparleistungen langfristig ein großes Vermögen. Dieses Vermögen ist aber kein Luxus, sondern wird zwingend gebraucht, um einen finanziellen Absturz im Alter zu verhindern.

Anleihen oder Versicherungen können diesen langfristigen finanziellen Kraftakt nicht leisten. Rürup- und Riester-Produkte sind Scheinlösungen, die zudem den Vertrieb reich machen, aber nicht den Kunden. Aus diesem Grund müsste die Regierung alles dafür tun, um die langfristige systematische Geldanlage mit einem bedeutenden, wenn nicht hohen Aktienanteil zu fördern.

Die Wahrheit ist bitter einfach.

Wer eine gewisse Handlungsfähigkeit im Alter haben möchte, muss weniger konsumieren und dafür selbst sparen – diszipliniert und über einen langen Zeitraum. Und mit einem anfänglich hohen Aktienanteil.

Leider ist diese Botschaft so unpopulär, dass die Mehrheit unserer Politiker einen großen Bogen um sie macht. Stattdessen versetzt die Politik der eh kaum vorhandenen deutschen Aktienkultur einen weiteren Schlag. Ich argumentiere hiermit nicht gegen die Grundrente, sondern gegen eine populistische Finanzierung.

Vor allem plädiere ich aber für, ein noch größeres Problem anzugehen. Die private Finanzierung der künftigen Rentnergenerationen kann nur heute erfolgen. Später ist zu spät. Die Finanzierung funktioniert nur, wenn die Politik heute – und nicht morgen – ein zusammenhängendes Maßnahmenpaket zur Förderung eines sinnvollen Vermögensaufbaus für jedermann ins Leben ruft.

Das genaue Gegenteil einer Förderung wäre die Einführung einer Aktiensteuer. Eine Aktiensteuer ist kontraproduktiv. Aber dieses Problem von heute wird leider erst übermorgen sichtbar.

In Deutschland werden Aktien und damit Beteiligungen am Unternehmertum öffentlich tendenziell als Privilegien von Leuten, die bereits genug Geld haben, gesehen. Das ist falsch, denn jeder kann auch kleine Beträge langfristig in Aktien anlegen. Die Politik tut nichts dafür, um dieses Bild zu verändern. Im Gegenteil: Utopische Umverteilungsphantasien erhalten derzeit mehr Aufmerksamkeit als die wirklich dringenden politischen Probleme.

Herr Scholz möchte die Grundrente einführen, um Altersarmut bei den heutigen älteren Generationen zu bekämpfen. Das ist ein nachvollziehbares Ziel.

Eine Finanzierung über eine Aktiensteuer würde aber nichts tun, um die künftige Altersarmut der heutigen jüngeren Generationen zu vermeiden. Sie schlägt im Gegenteil in die alte kontraproduktive Kerbe, dass Vermögensaufbau nur für Reiche sei.

Sinnvollerweise sollte die Politik ein Programm zur kostengünstigen, transparenten und effizienten langfristigen privaten Altersvorsorge mittels Wertpapiere auflegen und diese auch steuerlich fördern. Andere Länder, die das Problem bereits angegangen sind, wählten exakt diese Methode. Aufgrund des deutschen Rentensystems mit Generationenvertrag wäre eine schrittweise, langwierige Umsetzung erforderlich. Sie ist aber machbar und vor allem notwendig.

Oberflächlich betrachtet hat Herr Scholz mit seiner Aussage recht: Ähnlich wie Frankreich und Großbritannien würde Deutschland eine Aktiensteuer kurzfristig verkraften. Jedoch wird das Problem der Unterfinanzierung des Ruhestandes in Zukunft nur wachsen. Und wenn die Bürger die Folgen in zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren am eigenen Leibe spüren, wird niemand mehr behaupten, dass Deutschland das verkraften kann.

Auch Herr Scholz nicht.

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