Buchrezension: Irene Götz (Hrsg.) – Kein Ruhestand

Kein Ruhestand ist ein hochaktuelles Buch. Es wirft einen Blick auf das Deutschland der Gegenwart, das krankende Rentensystem und die Verlierer dieses Systems. Von Altersarmut, wie es im Untertitel heißt, sind im Speziellen Frauen betroffen: Ihre Erwerbsbiographien weisen häufiger Brüche auf, nicht zuletzt bei Vertreterinnen der heutigen Rentnergeneration. Doch selten kommen diese Frauen zu Wort, in ihrer Masse bilden sie nur eine Kennziffer in der Statistik.

Diesem Umstand trägt Herausgeberin Irene Götz Rechnung. Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen interviewte sie Rentnerinnen am Existenzminimum. Diese Interviews bieten einen vielschichtigen Einblick in Lebensrealitäten und ganz konkrete Problemsituationen: Sie erzählen von Nebenjobs im Rentenalter, vom Verlust der Wohnung, von Krankheit, vom Gefühl des Abgehängtseins. Gleichzeitig zeigen die Kurzportraits aber auch Frauen, die sich ins Leben zurückkämpfen, trotz aller Widrigkeiten.

Während sich der erste Teil des Buches essayistisch gibt und der zweite Teil Fallgeschichten präsentiert, zeigt der Schluss eine Reihe von Lösungsansätzen. Die Autorinnen geben ihren Leserinnen Kontakte und Tipps an die Hand, um den Teufelskreis der Altersarmut zu durchbrechen.

Leben am Existenzminimum

Knapp die Hälfte des Buches befasst sich mit den Lebensgeschichten der interviewten Frauen und ihrem Alltag. Im Rahmen des Forschungsprojektes Prekärer Ruhestand wurden von den Forscherinnen insgesamt achtzehn Rentnerinnen befragt. Betrachtet wurde dabei die Situation von Frauen, die mehrheitlich in den 1940er und 1950er Jahren geboren wurden.

Diese Frauen stammen aus ganz unterschiedlichen Milieus und gingen den verschiedensten Berufen nach: Sie waren unter anderem als Krankenschwestern, Reinigungskräfte, Geschäftsfrauen, Büroangestellte, Facharbeiterinnen, Lektorinnen und Therapeutinnen tätig. Interessanterweise stammen alle interviewten Frauen aus München, hier wird also explizit das Leben in der Großstadt betrachtet. Rentnerinnen aus ländlichen Regionen kommen nicht zu Wort. Sicherlich hätten sich hier einige interessante Kontraste zwischen Stadt und Land aufzeigen lassen, etwa was die medizinische Versorgung oder die grassierende Wohnungsnot angeht. Die Forscherinnen konstatieren allerdings, dass das Leben in Großstädten ein bedeutender Faktor für Altersarmut ist.

Mit der Veröffentlichung von Kein Ruhestand geben die Autorinnen gerade jenen Frauen eine Stimme, die keinerlei Lobby haben. Ihre Ängste und Wünsche werden üblicherweise im gesellschaftlichen Diskurs nicht gehört oder von anderen Themen überschattet. Hier setzen die Forscherinnen an und berichten in kleinen Porträts über die Frauen, die sie interviewten.

Zu Wort kommen

Alle vorgestellten Frauen prägt die Angst vor Abhängigkeit und Kontrollverlust im Alter, dies liest sich deutlich aus den Gesprächen heraus. Ebenso fürchten sie, an Lebensqualität einzubüßen. Sie entwickeln daher individuelle Mechanismen, um trotz finanzieller Engpässe am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Viele der befragten Frauen gehen zudem sinnstiftenden Tätigkeiten nach, etwa im Bereich der Familie oder bei gemeinnütziger Arbeit. Die Forscherinnen betrachten hier eine Entwicklung, die symptomatisch für das derzeitige Rentenkonzept ist: Das System bringt immer mehr Verlierer hervor, die sich die gesellschaftliche Teilhabe vom Mund absparen müssen.

Dies zeigen auch die aufgeführten Lebensgeschichten. Mit jeder Rentnerin wurden in der Regel mehrere Interviews geführt, meist über einen Zeitraum von mehreren Jahren, sodass sich Entwicklungen und Veränderungen im Leben der Frauen abbilden lassen. Die Autorinnen berichten in kurzen biographischen Vignetten vom Werdegang ihrer Interviewpartnerinnen und streuen dabei immer wieder O-Töne der Rentnerinnen ein. Diese Zitate zeugen nicht selten von Verbitterung und Resignation über die persönliche Situation, häufig spricht aus ihnen aber auch Kampfgeist und der unbedingte Wille, ein menschenwürdiges Dasein trotz finanzieller Einbußen zu führen. Nicht selten müssen sich die Frauen dabei selbst helfen und Mechanismen entwickeln, um den Alltag zu bestehen. Gleichzeitig wird durch die Porträts deutlich, dass die Frauen unverschuldet in ihre jetzige Situation geraten sind. Ihr Leben war in vielen Fällen geprägt vom Verlassen der Heimat in jungen Jahren, von Heirat und Scheidung, Familienarbeit und einer unsteten Erwerbsbiographie. Dies führte – auch im Falle einiger Akademikerinnen – zu prekären Verhältnissen im Alter.

Résumé

Das vorliegende Buch ist mehr als eine Bestandsaufnahme. Einerseits soll es Aufmerksamkeit schaffen und Rentnerinnen in finanziellen Extremsituationen eine Stimme geben. Andererseits versteht es sich auch als Ratgeber für eben jene Personengruppe. Der letzte Abschnitt von Kein Ruhestand gibt Hilfestellungen und Tipps für Betroffene. Hierzu zählen etwa praktische Handlungsvorschläge und Anlaufstellen bei Vereinen und Verbänden.

Bei der Lektüre wird eines jedoch überdeutlich: Dem Problem der Altersarmut in Deutschland wurde von politischer Seite zu lange wenig Beachtung geschenkt. Die ersten Folgen dieser Versäumnisse spürt die aktuelle Rentnergeneration: Das Versprechen einer sicheren, auskömmlichen Rente wurde für einige nicht eingelöst, ein Leben am Existenzminimum ist die Folge. Männer wie Frauen sind von diesem Phänomen betroffen, doch trifft es Rentnerinnen aufgrund ihrer Erwerbsbiographien mitunter deutlich härter. Kein Ruhestand gibt einen Vorgeschmack auf jene Misere, die uns ohne eine grundlegende Umgestaltung des Rentensystems erwartet. Das Buch zeigt aber auch, wie schädlich Passivität bei Rentenfragen sein kann: Heutzutage ist es wichtiger denn je, aktiv vorzusorgen und den eigenen Ruhestand in die Hand zu nehmen. Wer sich allein auf den Staat und den Generationenvertrag verlässt, könnte ein böses Erwachen erleben.

Irene Götz (Hrsg.) – Kein Ruhestand, Wie Frauen mit Altersarmut umgehen, Verlag Antje Kunstmann, München 2019.

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