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Marktperspektive Dezember 2017: Wo steuern wir hin?

Im Jahr 2017 war viel von Populismus die Rede. Vielleicht ist dieses Phänomen sogar ein brauchbarer Schlüssel zum Verständnis kommender Marktlagen – möglicherweise gab es sogar noch mehr Populismus als wahrgenommen. Zum Zweck einer Finanzbetrachtung bedürfte es daher einer einfachen Begriffsfassung. So ließe sich Populismus als jene politische Methode verstehen, die für demokratische Systeme charakteristisch ist. Sie besteht darin, Macht zu gewinnen indem man an die Souveränität eines Gemeinwesens oder an eine Gemeinschaft appelliert. Souveränität bedeutet, daß wir Entscheidungen in letzter Instanz treffen können.

Welche Ausformungen eines so definierten Populismus ließen sich nun 2017 erkennen und was bedeutet das für die Finanzmärkte in der näheren Zukunft?

Trumponomics

Im Rahmen dieser Vorgehensweise bestünde die erste Ausformung der populistischen Methode in einem Appell an die Souveränität des eigenen Gemeinwesens gegen ein übergestülptes System. Dieser Ansatz findet sich sowohl bei der politischen Linken als auch bei der Rechten. Im zeitgenössischen Zusammenhang besteht dieser Appell inhaltlich aus einer anti-elitären, politisch und kulturell abgrenzenden Heimatbefindlichkeit. Gewählte oder selbsternannte Volkstribunen pochen auf lokal begründete Souveränität. Sie beziehen sich auf konkrete Gegebenheiten und konkrete Zeitpunkte und erzeugen damit tendenziell unsystematische Politikmuster. Mit diesem Hier und Jetzt kommen für Anleger unsystematische Chancen und Risiken auf den Markt. Bestimmte Marktbereiche profitieren, andere leiden – ohne daß es systematische Zusammenhänge über Gesamtmärkte oder Gesamtanlageklassen hinaus gibt.

Mit dem im Januar 2017 im Amt vereidigten Donald Trump ließe sich der Ansatz illustrieren: Verwendet man für dieses Beispiel eines Anti-System-Populismus die Bezeichnung Trumponomics, dann ist Politik das, was sie eigentlich schon immer war – ein archaisches Posieren mit Potenz zur emotionalen Befriedigung einer Gemeinschaft, zumindest in symbolischer Hinsicht. Der Anlaß ist konkret und steht in einem spezifischen Zusammenhang. Gleichzeitig bedeutet Wirtschaft, daß kraftvolle Individuen und Unternehmer entscheiden. Wirtschaft soll nicht unter der Dirigentschaft eines abstrakten Systems stehen. In diesem Umfeld sollte sich eine Zentralbank als Verkörperung des Systems in einer defensiven rhetorischen Position wiederfinden. Zur Zentralbank würde – unabhängig von allen anderen Überlegungen – schon im eigenen Interesse eine unauffällige, konventionelle, leitzinsorientierte Geldpolitik passen. Eine solche Politik beschrieb im Mai 2017 das FED-Mitglied Patrick Harker mit den Worten, I can also definitively say that it will be boring. It will be the policy equivalent of watching paint dry (23.05.2017).

Draghonomics

Eine zweite mögliche Ausformung der populistischen Methode bestünde in einem Appell an die Souveränität unseres gemeinsamen Systems gegen die Feinde unserer Ordnung. Wollte man so etwas beschreiben, dann wäre es eine Art Intelligenzija-Populismus. Dieser Ansatz tendiert zu einer umverteilenden, universalistischen und zentralistischen Rhetorik. Typisch dürfte sein, daß persönliche Individualität im Rahmen von Geschmack angesehen ist, während Individualität als wirtschaftliches Handeln kritisch gesehen wird. Wirtschaft ist eher ein Thema für technokratische Apparate, die im Sinne unserer richtigen Systempolitik die Dinge im Hintergrund besorgen. Konkrete Sachverhalte müssen sich unseren kollektiven Richtschnüren unterordnen. Bei diesem Stil verbinden sich tendenziell systematische Politikmuster mit für den Anleger systematischen Chancen und Risiken. Unabhängig von lokalen oder bereichsspezifischen Gegebenheiten stehen gesamte Märkte und gesamte Assetklassen unter der gestalterischen Macht der grands projets.

Auch dies könnte mit einem gewissen Recht als Populismus bezeichnet werden. Es geht um den Appell an eine Souveränität, die einer als System verstandenen Gemeinschaft eigen ist. Mitglied der Gemeinschaft wird man durch Glaube und Überzeugung. Dieser Gedanke findet sich sowohl in linken als auch in konservativen Milieus. Einzelne Unternehmer gelten als Gefahr für den sozialen Zusammenhalt, dagegen sieht man große, politisch kontrollierte Unternehmungen als Ideal an. Politik und Wirtschaft werden von Ingenieuren und Juristen besorgt. In den modernen Gesellschaften der Gegenwart richten sich unter dieser Prämisse die Augen auf die Zentralbank als großem Impulsgeber. Ob sie es will oder nicht, die Zentralbank findet sich in einer sehr aktiven Rolle wieder. Eine alles übergreifende Geldpolitik mit großzügigem Design wird erwartet. Da sich die Alles-oder-Nichts-Rhetorik am deutlichsten bei Mario Draghi findet, könnte man diesen zeitgenössischen Populismus als Draghonomics betiteln.

Kryptonomics

Die stärkste und machtvollste Ausformung der populistischen Methode liegt in dem Selbst-Appell einer Gemeinschaft, die sich und ihre Souveränität entdeckt und zur Selbstbefreiung schreitet. Die Abläufe dieser Episoden ähneln sich historisch stark. So wird aus irgendeinem Grund ein Gedankengang plausibel, weil er mit hoher Wachstumsrate eine Anhängerschaft gewinnt. Die bisher einander fremden Anhänger erkennen sich als zusammengehörig, als Zeugen einer neuen Zeit. Der starke Zulauf verleiht maximale Legitimation und läßt alles Bestehende alt aussehen. Im gemeinsamen Bewußtsein öffnet sich die Enge der Alltagswelt zu neuen Horizonten. Alles scheint möglich. Diese systemsprengende Kraft liegt allen modernen revolutionären und sozialen Bewegungen sowie Finanzmanien zugrunde. Für den Anleger sind es unsystematisch-systematische Chancen und Risiken. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort kann bloßes Mitmachen exorbitante Vorteile bewirken, während zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort alle Expertise nicht vor Schaden schützt.

Dieser Populismus bestünde aus einem autosuggestiven Appell an die kollektive Souveränität. So etwas erlebt man in der Regel nur einmal in einer Generation. Der Trubel um die Kryptowährungen 2017 bildet ein typisches Beispiel für diese Spielart des Populismus. Die Idee einer dezentralisierten, digitalen Währung, die sich unabhängig von Staaten und Regierungen ohne Banken von jedermann nutzen läßt, mag zunächst abwegig klingen. Sobald aber die manifeste Nachfrage zu einem Argument sui generis wird, entfaltet die Idee revolutionäre Sprengkraft – was wiederum die Nachfrage verstärkt. Nun steht uns also plötzlich die wundersame Synthese von Internet, Geld und Basisdemokratie vor Augen. So könnte man bei dieser aktuellen Populismusform von Kryptonomics sprechen. Das Spektakel selbst ist zunächst unsystematisch in seinem Charakter. Es ist begrenzt, unverbunden und entsteht neben den etablierten Märkten. Unsystematische Ereignisse dürfen Zentralbanken üblicherweise ignorieren. Erst ab einer kritischen Größe werden sie relevant. Dann drängen sie Zentralbanken tendenziell in die Defensive, denn eine Antwort aus dem bekannten Systembaukasten will erst gefunden werden.

Wo steuern wir denn nun hin?

Für den Anleger ist im Idealfall die Zukunft 2018 ein ruhiger Fluß. Auf einem erneuerten Europa als festem Floß, getragen von gesunder globaler Konjunktur, steuert man einer vernetzten Blockchain-Welt entgegen. Nun könnten aber die Fahrwasser, je nach dominierender Populismusform, an unterschiedliche Gestade führen.

  • Trumponomics-Populismus könnte unsystematische Effekte für die geopolitische Lage und internationale Arbeitsteilung erzeugen. So könnten plötzliche Volatilitätsspitzen entstehen, die Pläne durcheinanderwirbeln. Solange die konjunkturelle Lage gut bleibt, wären die Kursausschläge wohl eher von kurzer Dauer und beträfen vielleicht nur Teilbereiche des Marktes. Sollte es keine kritischen Ereignisse geben, könnte die FED im Hintergrund die systematischen Risiken in ihrer Bilanz abbauen. Das wäre dann vielleicht tatsächlich so spannend, wie dem Trocknen der Farbe an der Wand zuzusehen. Bei ungünstiger konjunktureller Entwicklung könnten die unsystematischen Effekte größere Durchschlagskraft gewinnen.
  • Die Draghonomics versuchen hingegen, das Aufflackern von lokalem, unsystematischen Populismus mit systematischer Politik glattzubügeln. Dabei generieren sie aber wie schon in der Vergangenheit große, gesamtmarktrelevante Risiken. Im Jahr 2017 wuchsen die unausgeglichenen Target-Salden weiter und der Interbankenzins fiel bei bester Konjunktur kontinuierlich in den negativen Bereich. Es entstehen weiterhin gewaltige Diskrepanzen mit potentiell systematischen Auswirkungen über Gesamtmärkte hinweg. Die EZB kann sich nicht elegant hinter irgendwelche Trumponomics zurückziehen, sie ist selbst technologisches Bindeglied eines eigenen Populismus und mit ihrer Politik für den Anleger eine systematische Quelle der Volatilität. Die innere Entwicklung der Eurozone dürfte hier die Hauptrichtung der Risiken bestimmen.
  • Die Kryptonomics bleiben in ihren Wirkungen unsystematisch, solange die Bewegung nicht einen bestimmten Schwellenwert überschreitet. Es betrifft nur ein paar Anleger. Je mehr Kapital und Anhänger die Kryptoszene aber anzieht, je mehr sich die Märkte miteinander vernetzen, desto systematischer werden die Auswirkungen auf den gesamten Finanzkosmos. Die möglichen Antworten der Zentralbanken dürften für die Kryptomärkte auf jeden Fall einen systematisch-umfassenden Effekt haben. Hier ist es das Ausmaß des Wachstums, das über die Art der Risiken entscheidet.

So wie es aussieht, ist der Fluß der kommenden Geschehnisse kein einheitlicher Strom. Je nach dominanter Strömung dürften andere Arten von Chancen und Risiken zu erwarten sein. Zum Glück gibt es passende Werkzeuge mit aktiven und passiven Ansätzen sowie Methoden der Asset Allocation. Verzichtet man auf voreilige einseitige Festlegungen, können bei einer Fahrt ins Blaue die Überraschungen am schönsten sein.

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