MiFID II: Größere Vermögensverwalter können individueller arbeiten

Es ist ein Paradoxon: Unter MiFID II werden größere Vermögensverwalter individueller arbeiten können als kleinere Vermögensverwalter. Allerdings wird diese grundsätzliche Tendenz vorerst noch überschattet von den ersten reflexartigen Reaktionen der Finanzinstitute auf die neue Regelgebung.

In den meisten Banken und Vermögensverwaltungen führt die Einführung der neuen Regeln nach MiFID II zur Abschaffung oder massiven Einschränkung der individuellen Vermögensverwaltung. Diese Einschränkung ist aber nicht notwendig und führt auch nicht unbedingt zum größten Nutzen für das Finanzinstitut und seine Mandanten.

Die Deutsche Wertpapiertreuhand geht einen anderen Weg. Wir erhalten die individuelle Vermögensverwaltung in ihrem vollen Umfang. Gleichzeitig versuchen wir, die Effizienz in diesem Bereich noch zu erhöhen, damit eine solche Dienstleistung auch langfristig und betriebswirtschaftlich nachhaltig angeboten werden kann. Hierbei sind drei Themen zentral:

  1. Individualität
  2. Flexibilität
  3. Digitalisierung

Was ist Individualität in der Vermögensverwaltung?

Zu oft wird Individualität mit Exklusivität verwechselt. Eine individuelle Vermögensverwaltung muss nicht exklusiv sein. Und eine exklusive Vermögensverwaltung muss nicht individuell gestaltet sein. Eine individuelle Vermögensverwaltung bedeutet nicht, dass der Mandant per Definition der einzige Mandant ist, der diese Anlagestrategie erhalten soll.

Dass kein anderer Mandant diese Strategie hat, bedeutet – bezogen auf die finanziellen Ziele des Mandanten – keinesfalls, dass diese Strategie deswegen optimal geeignet ist, die finanziellen Ziele des Mandanten zu verwirklichen. Ebenso wenig sind Anlagestrategien, die für mehr als einen Mandanten eingesetzt werden – sogenannte Standardstrategien – per Definition in irgendeiner Weise schlechter.

Die Individualität einer Vermögensverwaltung bezieht sich somit nicht auf die Anzahl der Mandanten, welche die betreffende Anlagestrategie erhalten. Stattdessen bezieht sie sich auf das Maß, in dem eine Anlagestrategie zu den individuellen finanziellen Zielen und Vorstellungen des Mandanten passt. Eine Anlagestrategie muss immer individuell passend sein.

Je typischer sich die Ziele eines Mandanten darstellen, umso mehr Anlagestrategien sind für diese Ziele optimal geeignet. Das ist leicht nachvollziehbar, da es für eine häufigere Nachfrage in der Regel ein größeres Angebot gibt.

Umgekehrt ist auch ersichtlich, dass das Angebot an Anlagestrategien für spezielle und exotische Ziele kleiner sein muss.

Sind die Ziele so exotisch, dass gar keine passende Anlagestrategie zur Verfügung steht, muss eine neue Anlagestrategie für den betreffenden Mandanten entwickelt werden. Diese wäre dann sowohl individuell als auch vorerst exklusiv. Nicht nur die Entwicklung, sondern auch die laufende Verwaltung einer Anlagestrategie ist aber aufwendig. Deswegen macht eine exklusive Anlagestrategie sowohl für den Mandanten als auch für den Vermögensverwalter nur dann Sinn, wenn das Mandat groß genug ist, um die Kosten der Anlagestrategie-Verwaltung zu tragen.

Manche Mandanten legen besonderen emotionalen Wert auf die Exklusivität einer Anlagestrategie. Andere Mandanten betrachten die Qualität einer Anlagestrategie aus dem rationalen Blickwinkel: Gerade Ärzte fragen sich, ob sie eine Therapie in Anspruch nehmen würden, die bisher noch nie getestet worden ist. Sie sehen einen größeren Wert in der Erfahrung, die bereits mit einer Anlagestrategie gemacht worden ist sowie in den Ressourcen, die in die Verwaltung einer Anlagestrategie investiert werden.

Wie flexibel ist der Vermögensverwalter?

Wenn ein Vermögensverwalter über ausreichende Flexibilität im Einsatz mit Anlagestrategien verfügt, kann die für ein Mandat erforderliche Individualität immer erreicht werden. Der sinnvollste Weg zur Individualität ist eine stufenweise Prüfung:

  1. Kann die Individualität durch Einsatz einer Standardstrategie erreicht werden?
  2. Wenn Letzteres nicht der Fall ist, kann die Individualität durch den Einsatz einer individuell gewichteten Kombination mehrerer Standardstrategien erreicht werden?
  3. Wenn Letzteres nicht der Fall ist, kann die Individualität durch den Einsatz einer individuell gewichteten Kombination mehrerer Standardstrategien und einer neuen exklusiven Teilstrategie erreicht werden?
  4. Wenn Letzteres nicht der Fall ist, kann Individualität durch den Einsatz einer komplett neuen Anlagestrategie erreicht werden?

Wie kann der Vermögensverwalter seine Anlagestrategien effizient digital verwalten?

Unter MiFID II stellen die erforderlichen Prüfungen – Äquivalenztest, Kosten-Nutzen-Test und Geeignetheitstest – sowie die Dokumentation für alle Depottransaktionen einen hohen Aufwand dar. Die hierdurch entstehenden Kosten und Ineffizienz können durch Digitalisierung in Grenzen gehalten werden.

Wenn das digitale System des Vermögensverwalters die Anlagestrategien, deren Umschichtungen sowie die Mandanten und deren Depots in ausreichendem Detail kennt, kann das System einen Großteil der Prüfungen und Dokumentationen übernehmen. Dies spart Kosten und erhöht die Qualität. Bezogen auf die vorher beschriebenen vier Stufen der Flexibilität entsteht eine neue Effizienz durch folgende Wirkung:

  1. Bei einer Standardstrategie definiert der Strategiemanager einmalig eine neue Allokation. Das System berechnet anschließend, welche Umschichtungen für jedes einzelne der Strategie zugeordnete Depot erforderlich sind. Ebenso kann das System die Prüfungen vornehmen und dokumentieren.
  2. Bei einer Kombination von Standardstrategien definiert der Strategiemanager einmalig eine neue Allokation für eine Standardstrategie, welche in einem Standardstrategie-Bündel enthalten ist. Das System weiß, wie die Standardstrategien individuell gewichtet sind und kann dementsprechend die Prüfungen und Dokumentationen für alle Depots, die einen Anteil der betreffenden Standardstrategie enthalten, vornehmen.
  3. Bei einer Kombination von Standardstrategie und exklusiver Teilstrategie verwalten die jeweiligen Strategiemanager die Standardstrategien, während sich ein weiterer Strategiemanager um die exklusive Teilstrategie kümmert. Der zusätzliche Aufwand besteht lediglich aus der Definition einer neuen Allokation für die Teilstrategie. Das System kennt auch hier alle Parameter und kann die Prüfungen und Dokumentationen vornehmen.
  4. Bei einer kompletten Exklusivstrategie kennt das System ebenfalls die relevanten Parameter und kann eine definierte neue Allokation prüfen und dokumentieren.

Paradox: Größer und individueller

Infolgedessen muss in den ersten drei Fällen eine neue Allokation nur ein einziges Mal für eine große Anzahl von Depots definiert werden. Lediglich im vierten Fall einer kompletten Exklusivstrategie entsteht bei der neuen Allokationsdefinition kein Skalenvorteil. Anschließend kann das System aber die erforderlichen Prüfungen und Dokumentationen vornehmen. Diese Effizienz erreicht man in allen vier Fällen.

Natürlich lohnt sich die Entwicklung eines solchen Systems nur, wenn das Finanzinstitut groß genug ist, um die Entwicklungskosten zu tragen. Für kleinere Banken und Vermögensverwalter ist der Aufwand zu groß.

Als Konsequenz ergibt sich künftig unter MiFID II die paradoxe Tendenz, dass größere Finanzinstitute potenziell besser in der Lage sind, Individualität in der Vermögensverwaltung anzubieten.

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