Marktperspektive Oktober 2017: Gewinne ohne Grenzen?

Ungeachtet mancher geopolitischer Spannungen im nahen, mittleren und fernen Osten gewannen Risikoanlagen im Oktober hinzu. Die Konjunktur läuft gut. Verschiedene Entscheidungen auf (geld-) politischer Ebene bewirkten eine Dollar-Aufwertung gegenüber dem Euro, so daß sich Ende des Monats auch die europäischen Aktien dem weltweit positiven Trend anschließen konnten.

Die eigentliche Musik spielte aber wieder bei den Kryptowährungsmärkten. So gibt es viel Wirbel um eine neuartige Form der Projektfinanzierung. In Initial Coin Offerings wird Geld zur Finanzierung von unternehmerischen Vorhaben eingesammelt. Diese Projekte können Start-Ups aus der Blockchain-Szene sein oder wiederum selbst Kryptowährungen.

Die größte Aufmerksamkeit im Oktober zog die Parade-Währung Bitcoin auf sich. So eröffnete Bitcoin Anfang Oktober mit 4.344 USD, erreichte Anfang November 7.879 USD, fiel dann ab auf 5.520 USD und liegt aktuell wieder bei 7.500 USD. Derartige Bewegungen in kürzester Zeit verfehlen nicht ihre Wirkung auf das Publikum und wecken viele Begehrlichkeiten. Wie könnte die Party nun weitergehen und in welchem Stadium befinden wir uns eigentlich? Zwei Hinweise lassen sich aus dem Geschehen entnehmen.

Ein erster Fingerzeig

Blickt man auf die Vermögensverteilung bei Bitcoin, dann zeigt sich eine gewaltige Ungleichheit. Glaubt man einer Auswertung von Eigentümeradressen im September (zerohedge.com), dann verfügen 4,1 % der Adressen über einen Bestand von 96,5 % der Bitcoins. Umgekehrt halten 86 % der Adressen gerade mal 0,6 % der Bitcoin. Was bedeutet das?

Bis in die 1930er Jahre waren die amerikanischen Aktienmärkte der Wilde Westen der Finanzen. Aus jener Zeit stammt die Theorie von Akkumulation und Distribution. Diese Theorie spielt heute angesichts der regulierten und hochliquiden Märkte keine Rolle mehr. Für den Kryptowährungsmarkt könnte jedoch diese alte Theorie wieder zutreffen.

An den alten Märkten handelten erkennbar drei Gruppen, zum einen Großanteilseigner, zum anderen die Börsentrader und schließlich das breite Publikum. Institutionelle Anleger gab es kaum. Als entscheidend für Kursbewegungen galt nur das jeweilige Verhältnis von Großspekulanten zu Kleinspekulanten. In einer sogenannten Akkumulationsphase versuchten wenige große Adressen die kleinen Anleger geräuschlos aus den Papieren herauszudrängen. In einer Distributionsphase zogen sich die Großspekulanten wieder aus dem Wert zurück und überließen die Papiere den begeisterten Kleinanlegern. Im Detail lief dies folgendermaßen ab:

Die Akkumulationsphase bestand darin, daß potente Adressen ihre Mittel poolten und einen market director engagierten. Dieser Poolmanager versuchte mit geschickten Aktionen (gezielte Leerverkäufe, fingierte Transaktionen, Gerüchte) unbemerkt vom Publikum und den Tradern die Kontrolle über den momentan und latent zirkulierenden Bestand (floating supply) zu gewinnen. Dies mußte alles geschehen, ohne daß sich die Marktbewertung der Papiere sonderlich veränderte.

Befand sich eine kritische Masse von Papieren in der Verfügung des Pools, dann erzeugten aggressive Preisgebote des Poolmanagers ein Kursfeuerwerk. Die lauernden Trader sprangen sofort auf und verstärkten die Bewegung.

Schließlich kam bei Erreichen eines Zielniveaus die Phase der Distribution. Jetzt verteilte der market director die Papiere vorsichtig in kleinen Portionen und sorgte für die Verbreitung von besten Nachrichten. Mit mehr oder weniger lautem Publizitätsgetöse versuchte der Pool die Aktien bei der Masse der Anleger abzuladen. Im Idealfall riß ein euphorisches Publikum den Großspekulanten die Papiere aus den Händen. Infolgedessen war der Markt völlig übersättigt und der Kursaufschwung erlahmte. Jetzt befand sich der floating supply in den Händen vieler, relativ kleiner Investoren. Diese hatten ihre Positionen kreditfinanziert oder nennenswerte Ersparnisse riskiert, sahen plötzlich keine Gewinne mehr und verloren schließlich die Nerven. Nach einem Zick-Zack-Verlauf brachen die Kurse weg.

Als ausschlaggebend galt, welcher Gruppe die Papiere wann gehören. Eine Mehrheit kann nur dann kaufen, wenn eine Minderheit wirklich viel verkauft, aber dann steigen die Kurse nicht mehr, weil der sogenannte support fehlt. Support bedeutete, daß keine kurseffektive Menge von Papiere unkontrolliert in den Markt gelangt. Umgekehrt verhält es sich genauso. Eine Mehrheit kann sich nur dann von den Papieren trennen, wenn eine Minderheit wirklich viel kauft, aber dann fallen die Kurse nicht mehr, da der support wirksam wird. Verschiebungen in der Eigentümerstruktur eines Wertpapiers bilden nach dieser Theorie die unmittelbaren Gründe für Kursbewegungen.

Ob es damals immer so war, was daran Verschwörungstheorie ist und wie viele Pooloperationen schief liefen, das sind ganz andere Fragen. Mögliche Analogien zum Bitcoin-Handel sollte man auch nicht überdehnen. Abgesprochene Poolmanipulationen dürften unwahrscheinlich sein. Das großangelegte Schürfen von Kryptowährung hat allerdings gewissen akkumulativen Charakter und führt zu einer Eigentümerstruktur, die steile Kursaufschwünge begünstigen kann. Sofern die oben genannten Adressauswertungen zutreffen, könnte man bei Bitcoin eine Eigentümerstruktur herauslesen, in der die großen Adressen das Angebot noch knapp halten und die Stimmung anheizen.

Auch wenn dies unbeabsichtigt und unkoordiniert stattfinden dürfte, wäre die Wirkung auf den Kursverlauf die gleiche wie bei manipulierten Bewegungen. Dann würden wir uns inmitten des Kursfeuerwerks befinden. Diese Phase des fahrenden Zuges könnte also noch andauern – solange, bis im Rahmen einer Distribution sich die Anteile deutlich mehr zugunsten des Publikums verschieben. Nach dieser alten Theorie wäre dann auch Schluß mit dem Kursaufschwung. Vielleicht sind wir aber noch nicht soweit. Ein weiteres Theoriegebilde könnte das Stadium des Bitcoin-Marktes noch bestätigen und genauer bestimmen.

Ein zweiter Fingerzeig

Ende September erteilte die CME (Chicago Mercantile Exchange) als größter regulierter Währungsmarkt der Welt dem Projekt eines Future-Kontrakts auf Bitcoin eine Absage. Bitcoin stecke einfach noch in den Kinderschuhen. Keine vier Wochen später kündigt der gleiche Betreiber einen Kontrakt noch für dieses Jahr an. Wie ließe sich nun diese Episode in ein größeres Geschehen einordnen?

Eine spekulative Blase läßt sich kaum in wissenschaftliche Begriffe bringen. Die Existenz von Blasen wird von manchen Akademikern sogar abgelehnt. In einer praktischen Vorgehensweise kann man die vermuteten Übertreibungen im Markt als Informationsverarbeitungsprozesse verstehen. In dieser Hinsicht besteht ein Boom aus drei Phasen.

In einer ersten Phase beginnen sich die Teilnehmer mehr an dem Handeln der anderen Teilnehmer zu orientieren als an den eigenen Erfahrungen von Wirklichkeit. Dies wird immer dann lukrativ, wenn Faktenkenntnisse nur schwer und mühsam zu recherchieren sind, das Verhalten der anderen und deren plötzlicher Erfolg aber leicht erkennbar ist.

In der zweiten Phase treten zahlreiche Kommentatoren und Experten auf, die Rechtfertigungsgründe für das offensichtliche und dynamische Kursgeschehen abliefern. Es gehört zum Geschäftsmodell dieser Gruppen, Informationen zum Geschehen bereitzustellen. Genaugenommen sind es aber die Kursbewegungen, die die Experten dazu veranlassen, aus Faktenfragmenten eine schlüssige Story zu erschaffen. Marktbewegungen erzeugen jetzt eine Art von realistisch erscheinender Wirklichkeit, die immer mehr Anleger überzeugt.

In einer dritten Phase beginnen schließlich diejenigen, die es aus eigenem Wissen besser wissen müßten, an ihren eigenen Erfahrungen zu zweifeln. Von der lärmenden Masse lassen sie sich umstimmen oder sie schweigen aus Furcht vor der Macht des Mainstreams.

Die Blase platzt letztendlich, wenn die Erwartungen an noch höhere Bewertungen schneller wachsen als die wahrgenommene Wirklichkeit sich verändern kann. Dann zerfallen die Stories, es gibt nicht mehr genügend Stühle für alle und das ganze Spiel geht nun in die umgekehrte Richtung – in den Bewertungen nach unten. Zieht man dieses Modell zurate, dann wäre die genannte Episode um die CME ein Hinweis für eine Phase drei im Bitcoin-Aufschwung.

Resümee für den Anleger

Auch wenn sich die Welt wenig um Theorien kümmert, geben Modelle ein paar Ideen, wo man sich gerade befinden könnte und was als nächstes kommen dürfte. Für eine perspektivische Bewertung wird man zwischen der Blockchain-Technik, den Initial Coin Offerings und der eigentlichen Coin-Spekulation unterscheiden müssen. Nach dem momentanen Stand der Diskussion stößt die Anwendung der Blockchain noch auf viele praktische Probleme. Die Coin Offerings umweht ein abenteuerlicher Hauch und Seriosität gestaltet sich schwierig. Das Coin-Traden selbst ist eine spannende Angelegenheit und verspricht Reichtum und Ansehen. Spätestens irgendwann ist jedoch jede Partie ausgespielt.

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