Wie Sie einen Chart richtig lesen

Wie schwierig kann das Lesen eines Charts zu einem Wertpapier wohl sein? Wer sehen kann, kann einen Chart lesen. Oder gehört doch mehr dazu? Tatsächlich ist mehr dran. Denn, wir sehen den Chart nicht nur, wir interpretieren ihn auch. Die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen, können aber schnell zu ein paar Trugschlüssen führen. Wir zeigen Ihnen die Fallstricke auf.

Arithmetischer Chart

Ein einzelner Chart kann Ihnen nicht alle wichtigen Fragen beantworten. Das zeigen wir Ihnen anhand eines Beispiels, für das wir den amerikanischen Aktienindex Standard & Poor's 500 ausgewählt haben. Die aufgezeigten Überlegungen gelten genauso für Charts von einzelnen Wertpapieren.

Wenn Sie einen Chart zu einem Wertpapier oder einem Index ansehen, hat die Darstellung typischerweise folgende Struktur: Die X-Achse zeigt die Zeitpunkte und die Y-Achse die Werte. Beide sind normal arithmetisch – linear – skaliert. Der Chart des S&P 500 sieht wie folgt aus:

Wertentwicklung des S&P 500 in einem Chart mit arithmetischer Y-Achse – Charts bereitgestellt von Bloomberg L.P.

Was kann man ohne zusätzliche Berechnungen aus diesem Charttyp ableiten? Ganz offensichtlich hat sich der Index im Laufe der Jahre positiv entwickelt. Diese Einsicht ruft aber gleich die nächste Frage auf: Die Grafik steigt im Verlauf immer schneller – exponentiell – an, ist der Index im Laufe der Zeit immer besser geworden? Mit anderen Worten, haben Anleger in den letzten zwei Jahrzehnten höhere Renditen eingefahren als in den siebziger, achtziger oder neunziger Jahren?

Die Antwort auf diese Frage bezieht sich auf die jährliche Rendite. Wenn diese stabil ist, bedeutet das nicht, dass die Wertentwicklung linear verläuft. Im Gegenteil, über mehrere Jahre hinweg führt eine stabile Rendite durch den Zinseszins-Effekt auch zu einem exponentiellen Anstieg des Wertes. Folglich können eine stabile und eine ansteigende jährliche Rendite zu einer exponentiellen beziehungsweise hyperexponentiellen Wertentwicklung führen. Diese kann man optisch schwer voneinander unterscheiden. Deswegen ist die Antwort auf diese Frage jenem Charttyp nicht klar zu entnehmen.

Logarithmischer Chart

Letzteres funktioniert besser, wenn man einen anderen Charttyp nimmt, der statt einer arithmetischen Skalierung der Werte auf der Y-Achse eine sogenannte logarithmische Skalierung der Werte anwendet. Hierdurch wird der Zinseszins-Effekt optisch ausgeglichen.

Zeigt ein Chart mit einer logarithmischen Skalierung auf der Y-Achse einen linearen Verlauf, kann man hieraus ableiten, dass die jährliche Steigerung – die jährliche Rendite – stabil ist. Zeigt dieser Charttyp einen exponentiellen Anstieg, bedeutet das, dass die jährliche Rendite nicht stabil ist, sondern ansteigt. In dem Beispiel des S&P 500 ist es also so, dass die Rendite in den letzten Jahrzehnten – mehr oder weniger – stabil war. Über längere Zeiträume betrachtet erhielten Anleger keine signifikant ansteigende Rendite.

Wertentwicklung des S&P 500 in einem Chart mit logarithmischer Y-Achse – Charts bereitgestellt von Bloomberg L.P.

Underwater Chart

Wie sieht es mit den zwischenzeitlichen Verlusten – im Fachjargon Drawdowns – aus? Wie hoch waren sie und wie lange hat es gedauert, bis der bisherige höchste Wertpunkt nach einem Kursrückgang wieder erreicht wurde? Die Drawdowns und sogenannten Recovery Periods lassen sich wiederum schlecht aus den bisherigen zwei Charttypen ablesen. Hier hilft der Underwater-Charttyp.

Nun lässt sich in diesem Beispiel gut ablesen, dass der Kursrückgang in dem Crash von 1929 bedeutend größer war und es sehr viel länger gedauert hat, bis der Verlust wieder wettgemacht war als in den Crashes der Jahre 1972, 2000 und 2008.

Drawdowns im S&P 500 – Charts bereitgestellt von Bloomberg L.P.

Jeder Frage ihren Chart

Folglich ist es so, dass jeder Charttyp seine Berechtigung hat. Aus jedem Charttyp lässt sich etwas anderes ableiten. Wählen Sie daher den Charttyp nach der Frage aus, die Sie beantworten möchten. So lesen Sie einen Chart richtig.

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