Marktperspektive September 2017: Welches Geld regiert die Welt?

Die Stimmung in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten ist so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die stimulierenden Effekte aus den immensen geldpolitischen Bemühungen seit 2009 überkompensieren endlich die Sorgen über die strukturellen politischen und fiskalischen Probleme.

Diese günstige Lage warf nun ab Mitte September wieder ein vorteilhaftes Licht auf riskante Anlagen. So konnte Trump mit seinem Steuervorschlag die Initiative zurückgewinnen. In der Mixtur der Argumente vermischte sich die Rückkehr der Trumponomics mit der angekündigten Bilanzreduzierung der amerikanischen Zentralbank zu einer Story zugunsten von Aktien und Hochzinsanleihen, aber zulasten von sicheren Anleihen und Gold.

In diesem erfreulichen Cocktail der Argumente störten die Einschüchterungsversuche in Ostasien, die Experimente in Katalonien und ein drohender Zahlungsausfall Venezuelas nicht die anregende Wirkung auf Risikoassets. Für die weiteren Perspektiven schien im September ein ganz anderes Thema viel interessanter zu sein, nämlich die Preisentwicklung bei den sogenannten Kryptowährungen.

Welches Potential?

Die bekannteste Digitalwährung Bitcoin lag Anfang Januar 2017 noch bei 950 Euro, erreichte Anfang September 4100 Euro, fiel dann Mitte September auf 2600 Euro und wird jetzt wieder über 4500 Euro gehandelt. Insgesamt soll es bereits knapp 1200 Kryptowährungen geben, die an über 5000 Märkten gehandelt werden. Die gesamte Kapitalisierung dieser Währungen in Dollar lag Anfang Januar 2017 bei 18 Mrd. und beträgt jetzt 170 Mrd. US-Dollar.

Es wird gesagt, die Währungen wären für Anleger das neue Gold und die Zukunft gehöre ihnen. Als sensationell gilt die dahinter stehende Technologie der Blockchain. Als verteiltes Kontenbuch hätte die Blockchain umwälzendes Potential in der gesamten Finanzwirtschaft. Wäre dem so, müßte ein Anleger sorgsam seine Assetallocation überprüfen. Was darf man also von Bitcoin und Blockchain halten?

Eine Kryptowährung kann in ihren Eigenschaften so beurteilt werden, wie auch die zugrundeliegende technische Art der Datensynchronisation beurteilt werden kann. Perspektivisch kann man damit einerseits zwischen den Wirkungen der Informationsverarbeitungsmethode und andererseits zwischen den Wirkungen der Digitalgeldeigenschaft unterscheiden. Beide Komponenten können sich unterschiedlich auf die Finanzumwelt ausüben.

Sofern als Methode der Datensynchronisation die Blockchain verwendet wird, hat man es mit einem verteilten Kontenbuch ohne zentrale oder intermediäre Instanzen zu tun. Alle Teilnehmer partizipieren auf gleiche Weise und verfügen nicht nur über die gesamte Datenbank (=verteiltes Kontenbuch) sondern auch über die gesamte Historie der in Datenblöcken aneinander gefügten Transaktionen (=Blockchain).

Es sind viele finanzielle und vertragliche Prozesse vorstellbar, die sich mit dieser Technologie optimieren lassen. Die praktischen Vorteile der Technologie werden sich bei jeder möglichen Anwendung mit den Nachteilen abwägen lassen. Damit wird die Welt aber noch nicht auf den Kopf gestellt, denn manches wird auch in Zukunft zentral oder dezentral besser funktionieren als in verteilter Blockchain-Form. Ein Anleger wird sicherlich erfolgreiche neue Unternehmen finden können, die aber alle Eigenschaften von riskanten Technologienebenwerten haben dürften.

Vor- und Nachteile

Können nun Kryptowährungen eine Alternative zum Dollar und zum Gold bieten? Aus der Form der Datensynchronisation ergeben sich bedeutsame Vorteile für eine staats- und politikunabhängige Währung. So ist die Gesamtmenge des Geldes limitiert, es besteht hohe Fälschungssicherheit und es ist eine Anonymität gegeben wie bei Bargeldtransaktionen. In einem System staatsmonopolistisch organisierter Papiergeldwährungen ist dieser Ansatz revolutionär vorteilhaft. Das Vertrauen beruht auf unter Nutzern vereinbarten Regeln, nicht auf zentraler Macht oder auf physischen Gegenständen.

Es gibt aber auch Nachteile. So befindet sich das Geld nur in der Blockchain der Computerwelt. Ein Vergraben im Garten ist nicht möglich. Eine physische glänzende Präsenz wie von Gold gibt es nicht. Es kann nicht um den Hals oder an das Ohr gehängt werden. Auch in der Kryptogeldwelt müssen Entscheidungen über Regeln getroffen werden. Das üblicherweise angewendete Mehrheitsprinzip unter den Geldnutzern legitimiert sich dadurch, daß man auf den Weisheitseffekt und die Gerechtigkeit einer anonymen Mehrheit vertraut. Diese Weisheit und Gerechtigkeit muß nicht immer gegeben sein. Es wird viele Nutzer geben, die mit diesen Nachteilen leben können, da die Vorteile der Anonymität für sie überwiegen.

Ob sich anarchistische Kryptowährungen als offene Alternative zu staatlichen Papiergeldwährungen durchsetzen können, ist eine ganz andere Frage. Die Vorteile der Kryptowährungen (Limitierung, Anonymität) widersprechen allen staatlichen Interessen, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten artikuliert haben. Vor diesem Hintergrund sind bestimmte Handelsverbote für Kryptowährungen in China schon jetzt leicht nachvollziehbar. Sollten sich die Kryptowährungen weiter aus der Nische hervorarbeiten, dürfte kräftiger Widerstand von Finanzbehörden und Zentralbanken zu erwarten sein. Nicht gänzlich unwahrscheinlich dürfte sein, daß die Zentralbanken selbst Digitalgeld hervorbringen, allerdings dann wohl mit weitestgehender Transparenz zugunsten der Finanzaufsicht und mit privilegiertem Verwendungsstatus.

Sollte es einen autoritären Deckel für Kryptowährungen geben, was treibt dann auf derartige Weise die Bewertungen? Steigende Preise als solche könnten der Hauptgrund für weitere Preissteigerungen sein. Unter Computerbegeisterten, Spielern und Freunden der Anonymität wird es eine reale Nachfrage geben. Auch einem größeren Kreis werden die Vorteile der Blockchain-Währungen plausibel genug für einen höheren Wert erscheinen.

Ein extremes Wertwachstum ist aber nur möglich, wenn aufgrund steigender Kurse herbeieilendes Kapital weiter die Kurse treibt. Ob wir uns schon in der letzten Phase einer Blase befinden, ist unklar. Die explosionsartige Vermehrung der Kryptowährungen in jüngster Zeit läßt dieses zumindest vermuten. Die (noch) bestehenden Nachteile der Kryptowährungen und der zu erwartende Widerstand der staatlichen Autoritäten scheinen folglich die Hoffnungen auf ein systemumwälzendes Potential zu dämpfen.

Eine Leitwährung beschert den heimischen Finanzmärkten ebenso eine Führungsrolle und damit viele Privilegien. Welches Geld regiert nun die Welt und wohin sollte der Anleger seinen Blick wenden? Der Euro versucht weiter zu beweisen, daß nicht jede Währungsunion automatisch zum Scheitern verurteilt ist. Britisches Pfund und japanischer Yen werden wohl nicht mehr die Welt erobern. Gold ist der Feind alles Papiergeldes. Es bedurfte 200 Jahre, um Gold zu Schmuck zu degradieren.

Es bleiben also drei Kandidaten übrig: chinesischer Renminbi, Bitcoin und US-Dollar. Momentan ist die Rangordnung zugunsten des Dollars mehr als eindeutig. Die chinesischen Autoritäten versuchen, mit zusätzlichen Goldreserven und mit Beteiligung im Rohstoffhandel den Renminbi aus dem Nischendasein heraus zu führen. Die chinesischen Behörden dürften auch das geringste Interesse an der weiteren Ausbreitung von Kryptowährung haben, da Bitcoin vor allem die Bedeutung des Renminbi bedrohen könnte. Wahrscheinlich wird der Dollar weiter der lachende Dritte bleiben – und mit ihm die amerikanischen Finanzmärkte. So mancher träumt vielleicht schon von einem Krypto-Zentralbankgeld-US-Dollar mit ungeahnten Möglichkeiten für Amerika und seine Märkte.

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