Marktperspektive Juli 2017: Welche Ernte wird eingefahren?

Fragt sich ein Investor nach der Anlagezukunft Europas und blickt in die vergangenen Wochen zurück, dann steht ihm offenbar viel Prächtiges bevor.

Dies ist umso frappierender, als Europa noch vor einem halben Jahr vor dem Abgrund zu stehen schien: Zum Amtsantritt Donald Trumps wirkte Europa kurzzeitig wie ein kraftloser Zwerg. Die Musik war beendet und es drohte die Gefahr, daß nicht mehr genügend Stühle für alle da sein könnten. Mit dem antielitär-populistischen America-First-Fanfarenstoß war für Europa der Tisch in vielerlei Hinsicht plötzlich leer.

Die Krise war gestern?

Jetzt ist der europäische Tisch für den Investor allem Anschein nach wieder reich gedeckt. Die Populisten haben sich in der öffentlichen Wahrnehmung verlaufen. Die linken Populisten im Süden und die rechten im Norden erzeugen aktuell keine wirksamen Fliehkräfte in Europa. Momentan reizen die Volkstribunen die Möglichkeit aggressiver Nullsummenspiele zu Lasten der Gemeinschaft nicht aus.

Nach sieben Krisenjahren entsteht schon allein durch diese Zurückhaltung der politischen Darsteller ein Gefühl von Harmonie. Weiter wirken die Briten kleinlaut und die Griechen gezähmt. Macron führt Frankreich und Europa zu alter Größe zurück. Die sogenannten Problemstaaten stehen dank der massiven Unterstützung durch die EZB stabil da. Die Konjunkturdaten sind gut und die Stimmung ist sehr gut. Die Arbeitslosigkeit sinkt spürbar. Auch die Anleger kommen nach Europa zurück. Die sensiblen Indizes für riskante Hochzinsanleihen zeigen am deutlichsten, wie das viele Geld der EZB und die allgemein gute Stimmung reiche Ernte wachsen läßt. Man liest sogar, für Anleger gelte jetzt der Slogan Europe first.

Eine Scheinprosperität?

Nun kann sich ein Investor fragen, wie bekömmlich diese Ernte ist und welchen Ertrag die Böden weiter bringen können. In dieser Hinsicht gaben die vergangenen Wochen wieder einige Hinweise für die Betrachtung der Zukunft.

Nach letzten Pressemitteilungen erreichten die Sozialausgaben in Deutschland 2016 mit 918 Milliarden Euro einen weiteren Rekordwert und wuchsen damit erneut schneller als die Wirtschaftsleistung. Angesichts der Bundestagswahlen und der bislang bekundeten parteipolitischen Programmatik kann wohl von einer weiteren Beschleunigung der Ausgaben in den nächsten Jahren ausgegangen werden. Dies erscheint möglich und geboten, da Deutschland sogar seine öffentliche Verschuldung senkt und somit steigende Sozialausgaben nebenher finanzieren kann.

Zwar schien in den letzten Jahren die Sonne in Europa nicht überall fiskalisch so großzügig wie in Deutschland. Folgt man aber OECD-Zahlen, wachsen auch in den kritischen Kernstaaten Italien, Spanien und Frankreich die Sozialausgaben nahezu vergleichbar zur Wirtschaftsleistung. Man könnte dies alles als Ausdruck von Wohlfahrt in Europa goutieren – der Investor wird aber im Hinterkopf behalten, daß nicht zuletzt die lockere Haltung der EZB mit ihrer Zinspolitik die Großzügigkeit in Deutschland und Europa ermöglicht. Nach Berechnungen der Bundesbank ersparten im Euroraum die niedrigen Zinsen in den letzten neun Jahren eine Billion Euro öffentliche Zinsausgaben. Diese Billion dürfte der Kraftdünger gewesen sein, der den Staaten zu vollen Scheunen verhalf.

Mit seiner Rede Ende Juni 2017 und den folgenden dementiartigen Verlautbarungen verwirrte Draghi die Märkte über seine weitere Zins-Politik. Ein Investor wird sich wieder vermehrt fragen, inwieweit die EZB die Lage dauerhaft kontrollieren kann. Die EZB ist in manchen Marktsegmenten mit ihren Wertpapierkäufen selbst zum größten Investor aufgestiegen, in anderen Segmenten wird sie wohl 2018 an ihre (bis dato) selbst gesetzten Grenzen stoßen. Eine Normalisierung der Geldpolitik würde nach verschiedenen Vermutungen bis 2025 dauern, sofern zwischenzeitlich nicht eine neue Krise kommt.

Ausgehend von dieser Gesamtkonstellation könnte sich die EZB für einige Jahre nicht mehr in einer agierenden, sondern in einer reagierenden Position befinden. Der reagierende Modus war früher die normale Handlungsweise einer Zentralbank. Es bedarf viel Geschick, nach einigen Jahren intensiven Agierens die "Normalität" nicht als einen Autoritätsverlust wirken zu lassen und die dadurch möglichen Mißverständnisse zu vermeiden. Ob mit geplanten oder ungeplanten Zinssteigerungen, bei gleichbleibenden Ausgaben dürfte den öffentlichen Haushalten ein wichtiges Substrat fehlen.

Bedeutet ein Nachdenken über die Zukunft der Party das Ende der Party?

Im sogenannten Dieselskandal wird ein Investor die technischen Details und die rechtlichen Einzelvorschriften sicher zur Kenntnis nehmen. Er wird auch zur Kenntnis nehmen, daß nach Berechnungen der EU und Darstellungen in seriösen Medien jährlich in Deutschland so viele Menschen durch Abgase aus Dieselmotoren sterben wie einst 1952 durch den Smog in London. Damals sollen bis zu 12.000 Menschen gestorben sein, als die Luftverschmutzung die Sichtweite auf 30 cm verringerte. Es mag einem Investor naheliegend erscheinen, dem wichtigen Thema der Luftreinhaltung und der ungeliebten Tatsache der deutschen Exportstärke mit europäischen Abgasnormen gleichzeitig zu begegnen.

Nachvollziehbarerweise entschließt man sich in manchen Ländern leichter zu Fahr- und Zulassungsverboten, wenn man sich bereits vor mehreren Jahrzehnten in sozialpolitischer Motivation selbst deindustrialisiert hat. Kurzum, nun brachten sich die Hersteller der beliebten Fahrzeuge mit den exzellenten Motorleistungen in rechtliche Kalamitäten und es gibt Chancen genug, umfangreiche Schadensersatzansprüche zu erheben. Ein Investor wird sich möglicherweise weiter fragen, ob die deutsche Schadenfreude über die eigenen wirtschaftlichen Leistungsträger und die eilig formulierten Abgesänge auf die Branche ein Indikator für die letzte Phase des Überflusses sein könnten.

Neben diesen eher feuilletonistischen Betrachtungen mag einem Investor auffallen, daß sich die aktuelle Dieseldebatte mit einer gewissen Art von Futuristik überlappt. Es wird sehr viel über die Zukunft der Mobilität gesprochen und geschrieben. Wenn über die Zukunft einer Branche philosophiert wird, dann folgt dies einem bekannten Muster. Dieses Schema funktionierte schon bei der Zukunft der Energie, bei der Zukunft der Landwirtschaft und bei der Zukunft der Beratung bei Banken und Versicherungen.

In diesem Diskurs werden etablierte und effiziente Anbieter mit Größenvorteilen als Dinosaurier qualifiziert und die Branche bekommt von den Futurologen ineffiziente Strukturen und Technologien als Zukunft verordnet. Lassen sich Politik, Gesetzgebung und Rechtsprechung davon leiten, entsteht mit großem Subventions- und Gesetzesaufwand meist wenig Neues, dafür wird viel Bewährtes ökonomisch entwertet. Auch dies mag ein psychologisches Phänomen des Überflusses sein. Je stärker aber die politische Diskussion von dieser gesellschaftlichen Futuristik beherrscht wird, desto ertragsschwächer könnte der Boden für zukünftigen Wohlstand werden.

Ist fette Ernte dauerhaft gut?

Betrachtet unser Investor nun den reich gedeckten Tisch, was mag er sich denken über die Art der eingebrachten Ernte? Möglicherweise wurde sehr viel Dünger in Form von Geldpolitik ausgebracht. Es scheint unklar, ob dieser Dünger weiter nach dem Prinzip der Gießkanne verteilt werden kann und was die Nebenwirkungen sein könnten. Es entstehen immer abgehobenere Ansprüche an die Erntearbeiter, während die Böden zugleich exotische Früchte auf Befehl hervorbringen. Unser Investor könnte eine Ernte sehen, die sättigt, aber nicht bekömmlich ist – und nimmt vielleicht schon vorsorglich einen Digestif.

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