Marktperspektive Mai 2017: Gewinner oder Verlierer – Wer steht mit leeren Händen da?

Die Entwicklungen im Mai ziehen sich direkt in den Juni hinüber und gewinnen erst dann ihre vollen Konturen. Als sich Anfang Mai zunächst die Lage bei den französischen Präsidentschaftswahlen klärte, stiegen die Aktienkurse, während sichere Anleihen und Gold im Wert verloren.

Als dann zur Monatsmitte Zweifel aufkamen, inwieweit Trump seine Wachstumsstory in die Realität umsetzen könne, verloren die Aktien wieder an Wert, während umgekehrt die defensiven Anlageklassen dazu gewannen. Sorgen über italienische Neuwahlen verstärkten gegen Ende Mai diesen Trend. Unterm Strich gab es daher über den Monat Mai hinweg – und bis jetzt in den Juni hinein – kaum Wertänderungen. Dabei sahen wir in den letzten Wochen überall augenscheinlich große Gewinner und große Verlierer. Doch wo sind die Trophäen, an denen auch die Anleger teilhaben könnten?

Die Trump'sche Offensive aufgerieben?

Im Mai verloren nach allgemeiner Wahrnehmung die sogenannten Trumponomics ihr Momentum. Nach der Wahl Trumps beendete diese haudegenartig angekündigte Mischung aus Steuersenkungen, Regulierungsabbau und Infrastrukturprogrammen schlagartig die in wohlige Worte gekleidete, aber ökonomisch sterile und deflationär geprägte Obama-Zeit. Die Aktien und Zinsen stiegen in Amerika seit Trumps Wahl deutlich. Je mehr Trump sich allerdings zur Freude seiner Gegner in politisch heikle Scharmützel begibt, desto schwieriger könnten seine ökonomischen Vorhaben umzusetzen sein. Die Märkte wären dann in ihren Vorabbewertungen zu weit vorausgeeilt.

Zum Trump'schen Stil gehören auch die beabsichtigten oder unbeabsichtigten kulturpolitischen Spitzen gegen intellektuelle Eliten. Während ein großer Teil der Öffentlichkeit von dem Charme der Klimapolitik als einer neuen globalen Zivilreligion fasziniert ist, können die Klimaskeptiker oder -ignoranten mit dieser Art von Konsensliturgie wenig anfangen.

Wie die Reaktionen auf Trumps Ausstiegsankündigung aus dem Klimaabkommen zeigen, muß er wohl gegenüber der wissenschaftlichen Klimapolitik ein selbstmörderisches Sakrileg begangen haben. So wirkt es plausibel, daß sich der Trump'sche Feldzug moralisch und politisch in Auflösung befindet. Nach dieser Lesart könnte die Antriebsenergie aus den amerikanischen Märkten nun entwichen sein und Trump die amerikanische Hegemonie verspielt haben. Da in vielen Vermögensallokationen die USA eine zentrale Rolle spielen, müßte der kluge Anleger angesichts dieser Tatsachen die Zukunft woanders suchen.

Die Schlacht um Europa geschlagen?

Reiht man die letzten Wahlergebnisse in Europa (Österreich, Niederlande, Bundesländer Deutschlands, Frankreich, England, nochmal Frankreich, Kommunalwahlen Italien) aneinander, dann läßt sich ein Sieg der Euro- und Europabefürworter herauslesen. Der gleiche Prozentsatz, der noch vor einigen Wochen als beängstigend hohe Zustimmung für Populisten bezeichnet worden wäre, gilt jetzt als klare Absage an europakritische Stimmungsmacher.

Ohne daß sich etwas geändert hat – nur durch eine Perspektivverschiebung – scheinen alle Befürchtungen verflogen. Die Märkte hätten wohl die Risiken für Europa überbewertet und man könne sich nun erleichtert zurücklehnen. Nach vielen Jahren der Nullzinspolitik profitierten endlich die Unternehmen, sowie die privaten und öffentlichen Haushalte, sodaß Europa aus Anlegersicht eine gute Zukunft beschert sei. Sollten die globalen Basisinvestments also nun in Europa angesiedelt sein?

Führt jetzt Europa die freie Welt?

Moralisch und perspektivisch steht Europa seit den letzten Wochen als Gewinner da. Als Hüter des Klimas und der Liberalität sprechen europäische Politiker einem halbstarken Amerika die jahrzehntelange Führungsrolle ab. Dieser Punkt ist für Anleger sehr wichtig, denn wer führt, der hat auch die stärksten Finanzmärkte. Doch was hält Europa in den Händen, daß Anleger zukünftig vornehmlich auf den alten Kontinent setzen sollten?

Als Hauptargumente werden angeführt, daß die konjunkturellen Daten sich verbesserten und die zentrifugalen Kräfte in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt nachließen. Argumentiert man so, dann kämen allerdings eine Reihe von Weltregionen als neuer Hegemon in Frage. Wichtiger erscheinen zwei eher säbelrasselnde Gegenargumente:

  1. Noch ist unklar, wer führen könnte oder sollte und wohin zu führen sei. Deutschland ist weder willens noch fähig, Europa oder der freien Welt als Hegemon zu dienen. Wie im Mai die Rechenkünste über Verteidigungsausgaben einerseits und die Debatte über Truppentraditionen andererseits zeigten, braucht sich niemand auf der Welt vor Deutschland zu fürchten. Respekt vor militärischer Wucht bleibt aber leider auch in zivilen Zeiten immer noch das letztendlich schlagende Argument für internationale Bedeutung. Hier müßten andere Europäer einspringen. Dagegen sieht man in etlichen Hauptstädten des Kontinents die Truppen im Straßenbild zur Polizeiunterstützung, was man optisch eher von angeschlagenen Schwellenländern kennt.
  2. Mit der militärischen Machtprojektion verbindet sich der Besitz der Weltleitwährung. Dieses enorm vielseitige Instrument resultiert aus einer Verknüpfung von dominanter Abschreckungskraft mit außerordentlich breiten und tiefen Kapitalmärkten. Selbst in nur ziviler Betrachtung steht Europa hier noch ein langer Weg bevor, der mit dem Abschied der Briten nicht kürzer, sondern eher länger werden dürfte. Der Dollar wird wohl vorerst weiter die Weltleitwährung bleiben und die Alternative könnte am Ende nicht der Euro, sondern Bitcoin sein.

Zumindest in Hinblick auf diese beiden Gegenargumente steht Europa als moralischer Welthegemon weitgehend mit leeren Händen da. Daher gäbe es aus analytischer Sicht aktuell keinen dringenden Handlungsbedarf, die Länderallokation unabhängig von einer Aktienquote neu zu sortieren.

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