Marktperspektive April 2017: Gibt es politische Hebelgesetze an Finanzmärkten?

Wie schon in den Vormonaten dominierten die politischen Themen sowohl die Finanzpublizistik als auch das Marktgeschehen in den Hauptanlageklassen Aktien und Anleihen. Dabei verdrängten aber die französischen Präsidentschaftswahlen das bisherige Räsonieren über Trump. Dies führte im April zu mehreren gegenläufigen Entwicklungen.

Im Vorfeld der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen verloren die Aktienmärkte und die riskanten Anleihen, dagegen gewannen Gold und die sicheren Anleihen. Die gängige These lautete, die Rahmendaten seien gut bis sehr gut, aber das Gespenst des Populismus blockiere in Europa einen Aufschwung bei den Aktien und spekulativen Anleihen. Als sich Macron in der ersten Runde durchsetzte und die gefürchtete Kombination Le Pen vs. Mélenchon für die zweite Runde ausblieb, sah man die europäischen Börsen von diesem Bremsklotz befreit. Es profitierten die Risikoanlagen gegenüber den sicheren Anlagen, und das Bild der ersten Monatshälfte kehrte sich um. Man könnte wieder das Sprichwort bemühen, politische Börsen hätten kurze Beine und wären damit irrelevant in der langfristigen Betrachtung.

Sonderfall Europa?

Die Marktreaktionen auf die politischen Unsicherheiten im April deuten aber möglicherweise auf einen grundlegenden europäischen Wirkungszusammenhang hin. Was könnte nun das Problem mit dem Populismus in finanzökonomischer Hinsicht sein? Der Einfachheit halber kann man Populismus als ein Verfahren der Machtgewinnung und Machterhaltung verstehen, in dem Akteure sich einer – wie auch immer verstandenen – Stimme des Volkes bedienen. Dafür gab es Beispiele zu allen Zeiten und in vielen Gesellschaftssystemen. Wenn sich Populismus nicht völlig wirtschaftsfeindlich gebärdet, keine übermäßige Inflation produziert und es ihm gelingt, eine vermeintliche oder tatsächliche Nachfrage zu generieren, dann können Gesellschaften und Risikomärkte durchaus zumindest mittelfristig prosperieren. Dies scheint aber nicht das europäische Problem zu sein.

Warum ist es im Europa der Gegenwart anders? Sehr oft appelliert Populismus an die kollektive oder nationale Souveränität als Ausdruck der Volksmeinung. Diese Appelle wecken in Europa offenbar die Furcht an den Kapitalmärkten, ein Land könnte aus der EU oder aus der Eurozone aussteigen. Ein drohender nationaler Exit läßt dann je nach Landesbedeutung ein Eurozerbrechen möglich erscheinen. Die Kette der Befürchtungen geht schließlich noch weiter: Ohne Euro keine EZB, ohne EZB keine billigen Kredite, ohne billige Kredite brechen die privaten und speziell die öffentlichen Haushalte zusammen. Sollte ein derartiges Desaster eintreten, würden in dieser Sichtweise die Risikoanlagen in ihrem Wert eingeschmolzen werden.

Populismus als solcher stellt in Europa also wohl weniger eine Gefahr für Kapitalanlagen dar, sondern bildet über den Umweg eines Exit eine Bedrohung für die EZB – und damit für die faktischen nationalen Refinanzierungsmöglichkeiten dank der EZB. Diesen Wirkungszusammenhang hat erst die praktische Handhabung der Währungsunion über die Jahre hinweg entstehen lassen. Hier könnte man jetzt sagen, dank dieses Mechanismus haben politische Börsen in Europa sehr lange Beine und sind höchst relevant in der langfristigen Betrachtung.

Dazu würde das "ohrenbetäubende" Schweigen der EZB im April passen. Obwohl ein starker konjunktureller Aufschwung in Europa gemessen wird, versucht die EZB ihre ultra-expansive Geldpolitik beizubehalten, als wenn wir in Zeiten der größten Wirtschaftskrise lebten. Es sieht so aus, als ob die Staaten fiskalisch auf keinen Fall destabilisiert werden sollen, um europafeindliche Wahlergebnisse zu vermeiden. Wenn dem so sein sollte, dann verdrängt die EZB mit diesen implizit politischen Zielsetzungen alle anderen ökonomischen Kriterien der Marktbewertung. Die EZB würde schließlich ein Dreh– und Angelpunkt für finanzielle Marktbewegungen werden und damit irgendwann zur Achillesferse des gesamten Systems.

Wohin geht der neue Schwung für Europa?

Wenn es diesen beschriebenen Wirkungszusammenhang in der Währungsunion geben sollte, dann gäbe es für politische Abenteurer sowohl einen griffigen Ansatzpunkt als auch einen langen politischen Hebelarm. Mit dem Appell an die kollektive Souveränität ließen sich in der jüngeren Vergangenheit bekanntlich schon umfassende finanzielle Zugeständnisse erpressen.

Wie das Aprilgeschehen zeigt, könnte eine weitere Variante in der europäischen Politik dazukommen. Innenpolitisch bedrängte Amtsinhaber bedeutender Eurostaaten erklären sich zu Deichgrafen, die den Populismus zurückhalten und dafür von den anderen Europartnern mit teuren Programmen finanziert werden möchten. Der mit den letzten Wahlen proklamierte neue Schwung für Europa wäre dann eher eine Bestärkung des bisherigen Trends zu dauerhaft lockerer Geldpolitik und negativen Realzinsen. Für den Analytiker bliebe damit das Schicksal der Währungsunion von weichenstellender Bedeutung.

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